Handelskammer Hamburg 2005

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Geschäftsberichte

Viel Papier, wenig Inhalt

Ein Geschäftsbericht soll Anleger über die Strategie des Unternehmens informieren. Eine Erkenntnis, die in vielen Vorständen noch nicht angekommen zu sein scheint: Nach einer aktuellen Studie sind die Geschäftsberichte der 30 DAX-Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren trotz steigender Seitenzahlen nicht aussagekräftiger geworden.

Sie sind Dokumente eines bewegten Abschnitts der deutschen Nachkriegs-Börsengeschichte: Die Geschäftsberichte der DAX-notierten Aktiengesellschaften der letzten zehn Jahre.

Wie hat sich in dieser Zeit die Berichtskultur deutscher Unternehmen entwickelt? Dieser Frage ist die Agentur "Hamburger Geschäftsberichte" (HGB) nachgegangen.

Seit zehn Jahren gestaltet sie Geschäftsberichte und ist mittlerweile eine der renommiertesten Agenturen in diesem Bereich; zu ihren Kunden zählen die Axel Springer AG, die Deutsche Post World Net und die Hamburger Sparkasse. Das eigene Jubläum nahm die Agentur zum Anlass für einen Rückblick auf die Berichte der 30 DAX-Unternehmen aus dieser Zeit aus.

294 der 300 Berichte waren noch verfügbar. Die Bilanz: Die Berichte sind optisch ansprechender und deutlich umfangreicher geworden - in punkto Aussagekraft gibt es aber noch viel zu verbessern.

Im Jahr 1995 umfasste ein Geschäftsbericht im Durchschnitt 98 Seiten - zehn Jahre später sind es mit 201 Seiten mehr als doppelt so viel. Der Spitzenreiter des Jahres 2004, die Deutsche Bank, brachte es sogar auf 272 Seiten. Dieser Zuwachs sei nur zu einem geringen Teil auf eine großzügigere Gestaltung zurückzuführen, sagt HGB-Geschäftsführerin Felizitas Peters. Gewachsen sei vor allem der Pflichtteil, also die Darstellung der Unternehmenszahlen. "Das allein nutzt dem Anleger aber wenig", so Peters, "worauf es ankommt, ist der Lagebericht. Anhand dieser Kommentierung entscheidet ein privater Anleger, welche Aktien er kauft und welche nicht."

Gerade der Lagebericht aber ist bei vielen Unternehmen erheblich geschrumpft, insbesondere nach Anpassung an die "International Financial Reporting Standards" (IFRS). 2001 fiel beispielsweise die Seitenzahl der Lageberichte gegenüber dem Vorjahr um 3,7 Prozent, 2002 um weitere 6 Prozent. "Den wirklichen Geist von Information haben viele nicht begriffen", kommentiert Peters diese Zahlen.

Unbefriedigend falle auch die inhaltliche Qualität der Berichte aus: Statt die Lage des eigenen Unternehmens präzise darzustellen und einen konkreten Ausblick auf die Zukunft zu geben, flüchteten sich viele Unternehmen in Allgemeinplätze. Beispiel dafür sei bereits das Motto des Jahresberichts, die "Leitstory" des Unternehmens, wie es Felizitas Peters formuliert: "Sie soll aussagen, was das Unternehmen für seine Kunden und Aktionäre interessant macht." So lautete das Titelthema des Altana-Geschäftsberichtes des Jahres 2004: "Perspektive Zukunft", BASF wählte "Zukunft gestalten", ThyssenKrupp "Zukunft Technik", MAN gab sich international mit "Engineering the future" und die Telekom titelte: "Heute das Morgen sehen."

Ähnlich austauschbar ist in zunehmendem Maße die Auswahl von Fotos und Illustrationen. Während 1995 im Durchschnitt auf 12 Fotos Menschen - Mitarbeiter oder Kunden - gezeigt wurden, waren es 2004 im Schnitt 20. Dafür wurde das, wofür die Unternehmen letztlich stehen - ihre Produkte - im vergangenen Jahr nur noch mit durchschnittlich drei Bildern präsentiert. 1995 waren es noch neun Bilder.

Nicht verstanden hätten viele Unternehmen offensichtlich auch, dass ein Lagebericht nicht nur einen Blick auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Zukunft vermitteln soll. Eine längerfristige Darstellung der Firmenstrategie helfe später auch bei der Verkündung unpopulärer Maßnahmen. "Hätte Deutsche Bank-Vorstandschef Josef Ackermann, schon vor drei Jahren in den Geschäftsbericht geschrieben, wohin der Weg geht, hätte der Abbau von 6400 Stellen nicht die Debatte ausgelöst, die wir jetzt erlebt haben", so Peters. "Viele Anleger hätten die Entscheidung einordnen können und gewusst: Jetzt ist der Schritt an der Reihe, der damals angekündigt wurde."

Wenn Unternehmen zukunftsbezogene Aussagen machen, so ein weiteres Ergebnis der HGB-Studie, dann platzieren sie diese immer seltener im Lagebericht, wo sie hingehören, sondern im Vorwort. Das umfasste beispielsweise bei Siemens im vergangenen Jahr acht Seiten. Dagegen bestand der Lagebericht lediglich aus 66 Wörtern. "Ein Unternehmen dieser Größe kann damit nicht auskommen", sagt Felizitas Peters. Der Grund für dieses Verhalten sei offensichtlich: "Das Vorwort wird nicht von einem Wirtschaftsprüfer testiert."

Ein Bewusstseinswechsel sei notwendig, so Peters. "Anleger brauchen Anhaltspunkte, um die langfristige Strategie eines Unternehmens zu erkennen. Unternehmen, die diesen Weg der Wahrheit beschreiten, werden langfristig im Wettstreit um die Gunst der Anleger die Nase vorn haben." Doch dafür müssten Vorstände erkennen, dass ihre Geschäftsberichte für eben diese Anleger geschrieben werden. "So banal das klingt, so selten wird es begriffen."

Claus Hornung
Hamburger.wirtschaft@hk24.de
Telefon 36 13 8 302

Infos und Kontakten

Die Studie "10 Jahre DAX-Reporting" ist bei HGB für eine Schutzgebühr von 25 Euro erhältlich
(Tel. 41 46 13 0)

Vom 23. September bis 16. Oktober präsentiert HGB die besten Geschäftsberichte des Jahres 2004 im Museum für Kunst und Gewerbe.

Weitere Informationen unter www.ar-annualreports.de.

hamburger wirtschaft, Ausgabe September 2005