Handelskammer Hamburg 2007

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Standortpolitik

Die Entdeckung der Langfristigkeit

Unternehmerische Entscheidungen sind auf lange Sicht angelegt. Das gilt umso mehr, je höher die Investitionen eines Unternehmens am Standort sind, also insbesondere für die Industrie. In Hamburg ist nun in Form des in Abstimmung zwischen Wirtschaft und Politik entwickelten „Masterplan Industrie“ eine langfristige und auf Wachstum ausgerichtete Industriepolitik vereinbart worden, die den Unternehmen die nötige Planungssicherheit gewährleisten soll.

Die Hamburger Industrie erwirtschaftet mit 120000 Mitarbeitern jährlich einen Umsatz von etwa 65 Milliarden Euro und macht Hamburg damit zu einem der wichtigsten Industriestandorte Deutschlands. Als Ausgangspunkt der Wertschöpfungskette, von der Handel und Dienstleistungen profitieren, trägt sie in hohem Maße zu wirtschaftlichem Wohlstand bei: Ein Arbeitsplatz in der Industrie generiert unter anderem durch die Zulieferindustrie und industrielle Dienstleister mehr als das Doppelte an Arbeitsplätzen. Keine andere Branche bildet über ein so weites Leistungsspektrum hinweg Schulabgänger aus wie die Industrie – das gilt für praktisch begabte und hochbegabte Jugendliche ebenso wie für Auszubildende mit Migrationshintergrund.

Industrieunternehmen benötigen aber auf Dauerhaftigkeit ausgerichtete Rahmenbedingungen, um ihre langfristigen Standortentscheidungen und die damit verbundenen Investitionen abzusichern. Eine auf die Dauer einer Legislaturperiode ausgerichtete Orientierung ist nur unzureichende Grundlage für solchen Entscheidungen. Die Industriepolitik in Hamburg war bisher zwar wie andere Felder auch Bestandteil des mittelfristig ausgelegten Senats-Leitbildes der Wachsenden Stadt; mit dem nun vorliegenden Masterplan Industrie bekennt sich der Senat darüber hinaus jedoch ausdrücklich zur wichtigen Rolle der Industrie in unserer Stadt und bietet den Unternehmen Leitlinien für eine nachhaltige, langfristige industrielle Entwicklung. Mit dem zwischen IVH – INDUSTRIEVERBAND HAMBURG E. V., der Freien und Hansestadt Hamburg und unsere Handelskammer gemeinsam entwickelten und verabredeten Masterplan Industrie werden neue, bundesweit einzigartige Maßstäbe für die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Senat, Verwaltung und Politik gesetzt. Durch klare Verabredungen zwischen Wirtschaft und Politik und die Vorgabe von messbaren Ergebnissen sollen die Rahmenbedingungen für industrielles Wachstum, die Neuansiedlung von Industrieunternehmen und die Zukunftsfähigkeit der Industrie in Hamburg gesichert werden.

Dafür sind eine Reihe von Handlungsfeldern definiert worden.

Effizientes Flächenmanagement
Hamburg verfügt als Stadtstaat nur über begrenzte Flächenressourcen, gehört aber zu den weltweit am dünnsten besiedelten Metropolen. Im Vergleich zu andere Standorten verfügt Hamburg also noch über Flächenpotenziale, die durch eine wirtschaftsfreundliche Bauleitplanung für die Industrie erschlossen werden könnten. Konkret vereinbarte Ziele dazu sind:

  • Ab 2009 soll ständig ein sofort verfügbarer Vorrat an städtischen Gewerbe- und Industriegebietsflächen in einer Größenordnung von 100 Hektar in Hamburg zur Verfügung stehen und aktiv beworben werden.
  • In jedem Jahr soll eine Ansiedlung und Erweiterung von Industrie- und Gewerbebetrieben auf städtischen und privaten Flächen in der Größenordnung von 35 bis 45 Hektar erfolgen.
  • Vorhandene Industrieflächen sollen für industrielle Nutzungen gesichert werden.

Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur
Für die Industrie ist die Qualität der Verkehrsinfrastruktur von zentraler Bedeutung. Dies betrifft sowohl den Verkehrsfluss innerhalb Hamburgs als auch die Erreichbarkeit der anderen nationalen und europäischen Ballungsgebiete im Luft-, Schienen-, Wasser- und Straßenverkehr. Deshalb wurde veinbart:

  • Die für Industrie und Hafenwirtschaft sehr wichtigen Projekte „Fahrrinnenanpassung der Unter- und Außenelbe“ sowie „Realisierung einer Hafenquerspange“ befinden sich in der Planung und sollen zügig umgesetzt werden.
  • Die Wirtschaft wird in die laufende Verkehrsentwicklungsplanung eingebunden. An der alle zwei Jahre geplanten Berichterstattung an den Senat wird die Wirtschaft beteiligt.
  • Gegenstand der Verkehrsentwicklungsplanung der kommenden Jahre sind Projekte wie der Ausbau der Hafeninfrastruktur und der Hinterlandverkehre, die Ertüchtigung der Ringstraßen wie auch eine Verbesserung der Verkehrstelematik.

Bürokratieabbau, Deregulierung und schlanke Verwaltung
Standorte, die sich durch wenig Bürokratie auszeichnen, sind besonders attraktiv. Hamburg hat mit dem Gesetz zur Deregulierung des Landesrechts und der Verwaltungsreform bereits wichtige Schritte eingeleitet. Um diesen Weg wirkungsvoll weiterzugehen, haben sich die Partner des Masterplans Industrie unter anderen auf folgende Maßnahmen verständigt:

  • Verfahrens- und Fallmanager sollen in den Zentren für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt gegenüber Kunden als „one face to the customer“ agieren und die Mitarbeit weiterer Verwaltungsstellen koordinieren. Das Unternehmen als Kunde hätte somit nur noch mit einem Ansprechpartner zu tun.
  • Die Organisationsstruktur der Bezirksämter soll vereinheitlicht werden. Anreizsysteme spornen die Bezirke zum Wettbewerb untereinander an, zum Beispiel bei der Ausweisung von Gewerbe- und Wohnungsbauflächen.
  • Eine Arbeitsgruppe soll Vorschläge für eine Reduzierung der Regelungstiefe in Bebauungsplänen erarbeiten.

Ausbau des Technologiestandortes
Die privaten und öffentlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegen in Hamburg mit 852 Euro pro Einwohner und Jahr über dem Bundesdurchschnitt von 669 Euro pro Einwohner und Jahr. Hamburg besitzt zudem mit 16 Hochschulen eine gute Forschungsinfrastruktur. Doch sind weitere Impulse nötig, um Hamburg als Forschungsstandort und Metropole des Wissens weiter voranzubringen. Handlungsfelder sind die Optimierung des Technologietransfers, die Ansiedlung von Spitzenforschungsinstituten wie der Fraunhofer-Gesellschaft und die Stärkung der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Ausbildungs- und Studiengänge in Hamburg. Daraus leiten die Partner unter anderen folgende Maßnahmen ab:

  • Die Weiterentwicklung eines Konzepts für den Technologietransfer in Hamburg unter Einbeziehung externen Sachverstands
  • Größere Transparenz über Förderprogramme durch den Ausbau der Institution des Förderassistenten im Wirtschaftszentrum Hamburg
  • Stärkung der Attraktivität der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung
  • Förderung von betrieblichen Forschungs- und Entwicklungsprojekten in innovativen Industrieunternehmen

Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie
Im Rahmen der UmweltPartnerschaft Hamburg hat sich die Hamburger Wirtschaft, vertreten durch die Handelskammer Hamburg, die Handwerkskammer Hamburg und den Industrieverband Hamburg, zu einer engen Zusammenarbeit mit den Umweltverantwortlichen auf Seiten der Politik und der Verwaltung verpflichtet. Dabei konnten seit dem Start 2003 erhebliche Umweltschutz- und Kosteneffekte erzielt werden. Erfolgreiche Kooperationsmodelle wie die UmweltPartnerschaft Hamburg stellen eine geeignete Plattform für die Entwicklung gemeinsamer Ziele zwischen Staat und Wirtschaft dar. Die damit verbundenen Vorteile gilt es auch für eine zukünftige Klimaschutzpolitik in Hamburg zu nutzen. Daher wurden unter anderen folgende Maßnahmen vereinbart:

  • Die im Rahmen der UmweltPartnerschaft Hamburg angestrebten Ziele für die Geltungsperiode 2008 bis 2013 werden in den Masterplan Industrie übernommen.
  • Die Industrie wird durch freiwillige Selbstverpflichtungen in einem nennenswerten Anteil zu der angestrebten Emissionsreduzierung in Hamburg beitragen.

Wettbewerbsfähige Energieversorgung
Energie ist ein wichtiger Faktor für die Industrie. Zwar haben die Unternehmen kontinuierlich intensive Maßnahmen zur rationellen Energieverwendung umgesetzt, doch haben Energiepreissteigerungen in den letzten Jahren dazu geführt, dass dieser Kostenfaktor erheblichen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen nimmt. Eine leistungsstarke und wettbewerbsfähige Industrie in Hamburg benötigt aber eine sichere, kostengünstige und umweltfreundliche Energieversorgung. Daher sind sich die Partner über folgende Maßnahmen einig:

  • Die Freie und Hansestadt Hamburg setzt sich auf Bundesebene dafür ein, dass Verbraucher und Unternehmen Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen erhalten.

  • Der Senat setzt sich für eine sorgfältige Umsetzung notwendiger Kraftwerksprojekte in Norddeutschland ein, um die Versorgungssicherheit für die Hamburger Industrie zu gewährleisten.
  • Den erneuerbaren Energien wird ausreichend Zeit gegeben, einen erkennbaren Beitrag zur Energieversorgung zu leisten, indem unter Voraussetzung höchster Sicherheitsstandards die Kernenergie länger als bisher geplant Einsatz findet.

Industrieorientierte Clusterpolitik
Clusterpolitik ist grundsätzlich ein geeignetes Instrument zur Wirtschaftsförderung. Notwendig ist eine nachvollziehbare, gleichbleibende Definition von Clustern. Ziele der Clusterpolitik sind ein erhöhtes Maß an Produktivität und Innovation, kürzere Innovationszeiträume, geringere Kosten für Forschung und Entwicklung sowie eine erhöhte Gründeraktivität bei clusterzugehörigen Unternehmen und Branchen. Ein Clustermanagement muss sicherstellen, dass die Unternehmen und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt der Clusterpolitik stehen. Die verabredeten Maßnahmen hierzu sind unter anderem:

  • Überprüfung des Erfolgs von Clusteraktivitäten im Rahmen des „Monitors Wachsende Stadt“, der um weitere Kriterien zu einem Kennzahlensystem ergänzt wird.
  • Die Gesellschafterversammlung der Hamburgischen Gesellschaft zur Wirtschaftsförderung HWF überprüft anhand des Kennzahlensystems die einzelnen Clusteraktivitäten.
  • Eine regionale Ausweitung Hamburger Clusterinitiativen über die Landesgren-zen hinweg in die Metropolregion oder darüber hinaus muss möglich sein, um überregionale Clusterpotenziale zu aktivieren.

Zu allen Maßnahmen, die im Masterplan festgelegt wurden, sind messbare Zielgrößen vereinbart worden. Wichtigste Zielgrößen des Masterplans Industrie, auf die sich Wirtschaft und Politik vereinbart haben, sind die Zunahme an industriellen Arbeits- und Ausbildungsplätzen in Hamburg, die Steigerung der Bruttowertschöpfung und der Bruttoanlageinvestitionen. Zusammen mit dem Ergebnissen einer jährlichen Umfrage des Industrieverbands und der Handelskammer bei den Mitgliedsunternehmen soll die Wirksamkeit der Maßnahmen jährlich überprüft werden.

Mit dem Masterplan Industrie stärkt die Freie und Hansestadt Hamburg nicht nur die Industrie, sondern die Wirtschaft und den Standort insgesamt. Gleichzeitig gibt die Industrie mit ihrer Unterschrift unter den Masterplan ein ausdrückliches und nachhaltiges Bekenntnis zum Standort Hamburg und übernimmt Verantwortung für Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie den Klima- und Umweltschutz. Damit übernimmt Hamburg bundesweit eine Vorbildfunktion. Die Gleichung ist einfach: Wachsende Industrie = wachsende Stadt. Das Ergebnis: Wohlstand für alle.

Ulrich Brehmer/Paul Raab
ulrich.brehmer@hk24.de/paul.raab@hk24.de
Telefon 36 13 8 381/263

Infos und Kontakte

You will find an English translation of this article online at: www.hamburger-wirtschaft.de

hamburger wirtschaft, Ausgabe September 2007