Handelskammer Hamburg 2007

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Stadtentwicklung

GartenStadt statt Altonaer Mauer

Die Handelskammer hat ein neues Leitprojekt für die Wachsende Stadt vorgestellt. Das Konzept sieht eine attraktive städtebauliche Entwicklung in Hamburgs Westen vor. Durch die Überdeckelung der A7 besteht die Chance, beste Wohnlagen zu erweitern, den Volkspark durch einen Grünzug mit der Elbe zu verbinden und den Lärm der Autobahn auf Dauer zu verbannen.

Hamburg wird wegen seiner vielfältigen Stadtentwicklungspotenziale von nahezu allen Städten in Europa beneidet: In der HafenCity entstehen auf 155 Hektar ehemaligen Hafenflächen Büros für 40000 und Wohnungen für 12000 Menschen. Mit dem Sprung über die Elbe entwickelt die Stadt weitere Wohnbauflächen in einem nicht einfachen Umfeld, nach dem derzeitigen Stand der Planungen etwa 30 Hektar. Diese Flächen werden dringend benötigt, denn Hamburg ist eine wachsende Stadt. Bis zum Jahr 2020 soll die Zahl der Hamburger auf bis zu zwei Millionen Menschen anwachsen. Das bedeutet, dass Hamburg dringend Flächen für attraktive Wohnungen, Reihen- und Einfamilienhäuser braucht. Angesichts der angestrebten Wachstumsziele Hamburgs wird die Entwicklung der HafenCity und der Sprung nach Süden hierfür aber nicht ausreichen, bieten doch beide Projekte zusammen gerade Platz für rund 20000 Menschen.

Hamburg hat aber auch für diese Herausforderung der Stadtentwicklung eine weitere attraktive Lösung parat: Mitten in der Stadt gibt es ein Flächenpotenzial von fast 60 Hektar für den Reihen- und Einfamilienhausbau. Und das nicht irgendwo, sondern in allerbesten Wohnlagen. Die Flächen hierfür befinden sich in den Stadtteilen Othmarschen, Groß Flottbek und Bahrenfeld – sie haben heute leider nur ein Problem: Durch die in den 1970er Jahren gebaute Autobahn 7, über die täglich bis zu 130000 Lkw und Pkw brausen, sind sie einer derartigen Lärmbelastung ausgesetzt, dass an ruhiges und attraktives Wohnen in Haus und Garten nicht zu denken ist. Zudem haben hier rund 800 Kleingärtner ihren Freizeitraum, der gleichwohl lärmbedingt nur eingeschränkt nutzbar ist.

Was liegt da näher als die Idee, den Lärm mittels eines Deckels von der Umwelt zu verbannen, die Kleingärten auf den Deckel zu verlegen und das Ganze über die Entwicklung und den Verkauf der ehemaligen Kleingartenflächen zu finanzieren? Der Bürgerinitiative „Ohne Dach ist Krach“ ist es zu verdanken, dass Hamburg heute die Chance hat, im Westen der Stadt einen tragenden Beitrag für das Projekt Wachsende Stadt zu leisten. Die Initiative von Anwohnern der Autobahn verfolgt das Projekt bereits seit 1994. Schon frühzeitig haben auch der Bezirk Altona und unsere Handelskammer die Potenziale des Projektes erkannt und mit zahlreichen eigenen Vorschlägen und Anregungen bei der federführenden Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt für eine Umsetzung geworben. Bisher leider noch ohne Ergebnis. Dabei ist mit der Aufnahme des achtstreifigen Ausbaus der Autobahn zwischen der Anschlussstelle Othmarschen und dem Autobahndreieck Nord-West in den „Vordringlichen Bedarf“ des Bundesverkehrswegeplans im Jahr 2004 eigentlich Bewegung in die Sache gekommen. Denn der Bund hatte zugleich signalisiert, rund 90 Millionen Euro für Lärmschutzmaßnahmen, auch für den Bau eines Deckels, bereitzustellen.

Als im vergangenen Jahr die Aufnahme des Autobahnausbaus in den Investitionsrahmenplan 2006 bis 2010 des Bundesverkehrsministeriums beschlossen wurde, war klar: Hamburg muss spätestens 2007 entscheiden, welchen Weg es gehen will: Eine 15 Meter hohe Lärmschutzmauer bauen oder mit dem Autobahndeckel konstruktive Stadtentwicklung betreiben.

In dieser Situation hat die Handelskammer in enger Abstimmung mit dem Bezirksamt Altona das Grundkonzept unter dem Ansatz der Wachsenden Stadt und dem unlängst vorgelegten Räumlichen Leitbild der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt wesentlich weiterentwickelt: Statt einer „Altonaer Mauer“ aus Lärmschutzwänden soll die „GartenStadt Altona“ entstehen, so der vorgeschlagene neue Projektname. Der Plan der Handelskammer sieht vor, möglichst viele Flächen zu entwickeln, die sich heute im Besitz der Stadt befinden; gegenüber bisherigen Konzepten zusätzliche 30 Hektar. Diese ermöglichen die Schaffung von fünf hochwertigen Wohngebieten in einer Gesamtgröße von fast 60 Hektar. Realisieren ließen sich hier mindestens 3500 Wohneinheiten für 8000 bis 10000 neue Bewohner unserer Stadt.

Zudem wird ein breiter Grünkorridor entstehen, der erstmalig den Volkspark durchgehend mit der Elbe verbinden wird. Innerhalb dieses Grünkorridors werden alle Kleingärten, die heute auf den Fläche rechts und links der Autobahn liegen, auf Dauer untergebracht werden können. Die Neuordnung der Kleingärten bietet den Gärtnern nicht nur die Chance auf Erholung in einem Garten ohne Lärm. Sie bietet zugleich auch die einmalige Gelegenheit, dass die Kleingärten auf die heutigen Nutzer und Zielgruppen, die jungen Familien mit Kindern, zugeschnitten werden können; etwa durch Anlage großzügiger Flächen zum Spielen und Toben. Außerdem wird jeder Kleingärtner eine großzügige Entschädigung erhalten, die es erlaubt, den eigenen Garten auf dem Deckel attraktiv neu anzulegen. Und das Beste: Die Rechung für den Deckel geht auf. Neben den Verlagerungskosten für die Kleingärten, sind für die Realisierung des Projektes insgesamt etwa 470 Millionen Euro zu kalkulieren.

Auf der anderen Seite können durch den Verkauf der neuen Wohnungsbauflächen zusammen mit dem besagten Bundeszuschuss 417 Millionen Euro erlöst werden. Weitere zehn bis zwölf Millionen Euro sollten die Anlieger beiderseits des Deckels beitragen. Auf ein durchschnittliches Grundstück käme über einen Zeitraum von zehn Jahren ein jährlicher Beitrag von 440 bis 1020 Euro zu. Dies wäre jedoch nur ein Bruchteil der zu erwartenden Wertsteigerungen. Insgesamt ließe sich somit der Finanzierungsbeitrag der Stadt auf unter 50 Millionen Euro drücken.

Jan-Oliver Siebrand
janoliver.siebrand@hk24.de
Telefon 36 13 8 431

hamburger wirtschaft, Ausgabe September 2007