Handelskammer Hamburg 2007

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Gastronomie

Wo die Kleinen ganz groß sind

Junge Familien sind für die Gastronomie eine wichtige Zielgruppe mit Potenzial. 40 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung leben in Familien mit Kindern unter 18 Jahren. Sie sind häufige Restaurantbesucher, achten dabei aber sehr auf Kinderfreundlichkeit.

Was heißt eigentlich kinderfreundliche Gastronomie? Die Meinungen gehen da weit auseinander. In der Branche herrscht nicht selten die Meinung vor, dass das Angebot eines Kindertellers dieses Kriterium bereits erfüllt. Es gibt aber auch genügend Branchenvertreter, die einen Kinderspielplatz für das Maß aller Dinge halten. Interessant ist deshalb, was die Eltern dazu sagen. Laut einer Studie aus München ist für die Einstufung als kinderfreundlich vor allem das Preis-Leistungsverhältnis bei den Kindergerichten entscheidend. In drei Viertel aller Fälle kreuzten die Eltern bei diesem Stichwort „sehr wichtig“ an, und für mehr als die Hälfte der Befragten sind Sonderangebote oder Rabatte für Kinder Anreize zum Gaststättenbesuch. Diese Faktoren werden damit höher eingeschätzt als Mal-Utensilien und Spielsachen oder Geschenke für die Kleinen.

Auch eine Nichtraucherzone trägt zur Kinderfreundlichkeit bei. Das zumindest sagen 70 Prozent der befragten Eltern. Diesem Wunsch wird am 1. Januar 2008 durch das generelle Rauchverbot Rechnung getragen, sodass sich die jungen Familien freuen dürfen. Ebenfalls als wichtig angesehen wird ein großzügiges Raumangebot: Also große Tische, Platz zwischen Tischen oder eine Spielecke. Grundsätzlich gilt: Je weniger Platz die Kinder haben, desto mehr stören sie durch Herumlaufen und -krabbeln andere Gäste und Personal. Für viele Betriebe ist aber genau das Platzangebot das zentrale Problem, weil sie es einfach nicht haben.

Hoch bewertet werden auch individuell bestellbare Speisen, also kleinere Portionen von der normalen Speisekarte. Fazit der Studie: „Von einer kinderfreundlichen Gaststätte scheinen die Eltern gar nicht so sehr eine aufwendige Ausstattung, luxuriöse Spielsachen oder andere Sonderleistungen wie zum Beispiel Kinderbetreuung zu erwarten. Vielmehr wird Wert gelegt auf Dinge, die – sieht man einmal von dem nicht beliebig vermehrbaren Raumangebot ab – meist mit keinem oder nur geringem Aufwand verbunden sind.“

Wie ist es nun mit der Kinderfreundlichkeit in der Hamburger Gastronomie bestellt? Um es vorweg zu nehmen: Es gibt nicht den kinderfreundlichen Betrieb. Denn die Kinderfreundlichkeit beginnt schon damit, dass das Personal gegenüber Kindern und jungen Familien eine positive Einstellung hat. Und in diesem Punkt stimmt es bei der Mehrzahl der Betriebe. Interessant ist dennoch, dass Kinder „den Italiener“ bei der Auswahl bevorzugen. Schlägt da der Familiensinn unserer südlichen Nachbarn besonders durch? Man ist geneigt, dies zu glauben, aber vielleicht liegt es auch nur daran, dass Kinder Spaghetti mit roter Soße einfach lieben.

Das Gleiche gilt hinsichtlich der bekannten Sympathie für die speziellen Anbieter aus der Systemgastronomie, die mit Pommes und Burgern die Herzen der Kleinen erobern. Ein Blick ins Internet unter der Rubrik „Kinderfreundliche Restaurants von A bis Z“ eröffnet aber auch geradezu Märchenhaftes. Da gibt es Lokalitäten, die Krabbel- und Spielräume inklusive Sandkiste im gesicherten Garten anbieten. Es werden – weniger für die Kinder, sondern für die Eltern, die es stressfrei haben sollen – Wickeltische und Flaschenwärmer angeboten. Im Stadtpark gibt es ein Café mit Planschbecken. Ein anderes Café bietet Kinderbasteln an, während die Eltern in Ruhe Kaffee trinken können. Eine Eisdiele lockt mit einem Barbiehaus. Ein Lokal wartet im Außenbereich mit einem Spielhaus und Sandkasten auf, größere Kinder können nebenan gleich Paddelboote mieten. Ein anderes bietet spezielle Kindervideoprogramme. „Märchenmenüs“ dagegen sind die Trumpfkarte eines Cafés in Ottensen. Ein Lolli zum Nachtisch ist die Wunderwaffe eines Gastronomen, um den nächsten Besuch zu sichern. Und genau darum geht es letztlich auch. Denn nach der eingangs zitierten Studie bestimmen die Kinder über das Ausgehverhalten ganz wesentlich mit. So gaben 41 Prozent der Eltern an, dass ihre Sprösslinge bei der Wahl des Restaurants mitentscheiden, und nur 16 Prozent glauben, dass die Kleinen darauf überhaupt keinen Einfluss haben. Es geht also bei der Kinderfreundlichkeit um das Business. Deshalb sollten sich Gastronomen, die vielleicht noch etwas zurückhaltend sind, gut überlegen, ob sie sich Umsatzverzicht leisten können. Außerdem sind Kinder die zahlenden Gäste von morgen. Der Bedeutung dieser Investition in die Zukunft angemessen, werden sich deshalb unsere Handelskammer und der DEHOGA Hamburg auf dem nächsten Branchentag der Gastronomie am 9. Juni 2008 des Themas besonders annehmen.

Günter Dorigoni
guenter.dorigoni@hk24.de
Telefon 36 13 8 310

hamburger wirtschaft, Ausgabe September 2007