Handelskammer Hamburg 2010

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Interview: Prof. Wolfgang Michalski

Wissen für die Wirtschaft

Trotz intensiver Nutzung steht die Commerzbibliothek vor großen Herausforderungen. Die hamburger wirtschaft sprach darüber mit dem Wirtschaftsexperten Wolfgang Michalski.
hamburger wirtschaft: Sie nutzen die Commerzbibliothek seit 50 Jahren – warum eigentlich?

Wolfgang Michalski: Ich finde das Literaturangebot und den Service hier einfach exzellent.

hw: Was hat sich für Bibliotheken durch das Internet verändert?

Michalski: Es erleichtert das Finden von Erstinformationen und Zitaten. Für weiterreichende Recherchen benötigt man nach wie vor Bibliotheken.

hw: Warum bleiben Bibliotheken unverzichtbar?

Michalski: Wer sonst sollte teure Fachliteratur und andere relevante Informationen in einem umfangreichen Ausmaß zur Verfügung stellen? Wer sollte die Vorauswahl aus der immer umfangreicheren Literatur treffen? Wer sonst könnte als Dienstleister eine effiziente Unterstützung bei Recherchen anbieten?

hw: Was muss die Commerzbibliothek tun, um für Unternehmer auch weiterhin wichtig zu sein?

Michalski: Sie muss für die Interessen der Wirtschaft relevant und bezüglich der verfügbaren Informationen aktuell sein. Auch spezielle Rechercheangebote sind denkbar. In Unternehmen ist Zeit Geld, und wenn man Informationsprofis zur Verfügung hat, die für Studien oder Vorträge die Literatur zusammentragen, ist das bare Münze wert.

hw: Könnten Sie sich vorstellen, dass ein erweitertes Dienstleistungsangebot zu einer verstärkten Nutzung von Bibliotheken führt?

Michalski: Ja, durchaus – und zwar in zwei ganz unterschiedlichen Richtungen. Zum einen als Kommunikationszentrum, und zum anderen durch die zunehmende Digitalisierung der wirtschaftlichen und sonstigen Fachliteratur.

hw: Wie werden sich die Nutzererwartungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung verändern?

Michalski: Die Nutzer werden erwarten, dass alles in elektronischer Form verfügbar ist – sei es als E-Book, sei es im Hinblick auf die älteren Bestände in digitalisierter Form. Niemand, der die Bibliothek nicht in ihrer Funktion als Kommunikationszentrum nutzt, möchte noch in die Bibliothek gehen müssen. Zuhause vom Rechner aus auf alle wichtigen Bibliotheken weltweit zugreifen können, das ist die Zukunft. Allerdings setzt dies unter anderem auch eine entsprechende internationale Vernetzung unter den relevanten Bibliotheken voraus.

hw: Könnten Sie das noch etwas deutlicher erklären? Und vor allem: Was bedeutet es für die Commerzbibliothek?

Michalski: Bei beschränkten Budgets kann nicht jede Bibliothek alles zur Verfügung stellen. Auch innerhalb der wirtschaftlich relevanten Literatur müssen sich die Bibliotheken spezialisieren. Darum möchte ich über meine Mitgliedschaft in der Commerzbibliothek auch auf die Inhalte anderer Bibliotheken, beispielsweise der British Library in London, zugreifen können, ohne jeweils extra dafür bezahlen zu müssen. Ich kann ja nicht überall Mitglied sein. Das sollte über eine Stammbibliothek zentral geregelt sein. Das heißt, sowohl der Zugang zu den anderen Bibliotheken des Netzwerks als auch die Abrechnung müsste über die Commerzbibliothek erfolgen können.

hw: Wo sehen Sie die zukünftigen Spezialisierungsfelder der Commerzbibliothek?

Michalski: Die Commerzbibliothek sollte sich auf die Zukunftscluster der Wirtschaft in der Metropolregion Hamburg spezialisieren. Darunter verstehe ich ökonomische Literatur zu den Themen Schifffahrt und Logistik, Luftfahrt, Erneuerbare Energien und Wasserstofftechnologie sowie zu den Bereichen der Nanotechnologie und der Gesundheitswirtschaft mit den Schwerpunkten Medizintechnik,  Pharmazeutik und Biotechnologie. Auch der Mediensektor mit den Unterbereichen IT und Games ist für Hamburg nach wie vor wichtig. Gleiches gilt für die optischen Technologien wie Laseranwendungen und hollistische Darstellungen.

hw: Wie sieht die Commerzbibliothek zu ihrem 300. Jubiläum aus?

Michalski: Sie wird sich zu einer modernen Spezialbibliothek mit durch internationale Vernetzung de facto vollständigen Sammlungen weiterentwickeln. Mit großem Online-Angebot wird sie ein professionelles, effizientes Kompetenzzentrum für aktuelle, wirtschaftsrelevante Informationen darstellen, das sich weiterhin durch einen exzellenten fachlichen und persönlichen Service auszeichnet.
Dagmar Groothuis
dagmar.groothuis@hk24.de
Telefon 36138-527

Zur Person


Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Michalski leitete von 1979 bis 2001 den Planungsstab der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Vorher war er Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und gleichzeitig Stellvertretender Direktor des HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung. Heute berät Michalski Unternehmen, Regierungen und internationale Organisationen in wirtschaftspolitischen Fragen. Seit 2006 ist er Hamburg­Ambassador in Paris.

Informationen


Zum 275. Jubiläum der Commerzbibliothek erscheint am 4. November ein ganz besonderes Buch, für das Wolfgang Michalski das Vorwort geschrieben hat: „Wissen für die Wirtschaft im Wandel“. Darin machen sich fünf Experten aus Wirtschafts- und Bibliothekskreisen Gedanken über den Wandel und die Notwendigkeit von Innovationen für die Commerzbibliothek. In kurzen Essays beantworten sie die Frage, wie sich Bibliotheken künftig entwickeln müssen, damit sie für die Wirtschaft nützlich und attraktiv bleiben.

hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2010