Handelskammer Hamburg 2010

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Serie: Unsere Handelskammer

Pannenhelfer vor Ort

Beim Thema Stadtentwicklung decken sich die Interessen von Politik und Wirtschaft nicht immer. Stoßen Unternehmer bei Behörden an ihre Grenzen, vermittelt die Handelskammer – oft erfolgreich.
Ende März schien alles unter Dach und Fach. Zwei Existenzgründer und die Stadt Hamburg waren sich einig, alles schien geklärt: Eine Tankstelle, die aus den 1950er-Jahren stammt und heute alt und zerfallen in Rothenburgsort steht, sollte „wiederbelebt“ werden. Jann de Boer und Alex Piatscheck hatten das denkmalgeschützte Gebäude 2008 entdeckt. Jetzt sollte eine auf Oldtimer spezialisierte Kfz-Prüfstation entstehen, dazu ein Tankstellenbetrieb wie in den 1950er-Jahren – stilecht, mit alten Zapfsäulen, Tankwartservice und Erfrischungsraum. Doch dann fingen die Probleme an. Jann de Boer runzelt die Stirn. „Ich glaube nicht, dass das ohne die Unterstützung der Handelskammer noch geklappt hätte“, sagt der 37-Jährige.

Das Gespräch bei der Sprinkenhof AG, der Immobilienverwaltung der Stadt Hamburg, war konstruktiv verlaufen. Der Sanierungsbedarf an der alten Tankstelle war erheblich, im Frühjahr sollten die Restaurationsarbeiten beginnen. Fehlte nur noch der Mietvertrag – doch der ließ auf sich warten.

Kurz bevor die Baustelle eröffnet werden sollte, traf das Mietangebot endlich ein. Doch es wich in mehreren Punkten von dem ab, was Piatscheck und de Boer erwartet hatten. „Was uns da angeboten wurde, war nicht rentabel“, sagt de Boer. Man verhandelte nach – und wurde sich nicht einig. Man verhandelte erneut – wieder ohne Erfolg. Die Zeit verstrich, es wurde Juli. An die Handelskammer, die hätte helfen können, dachten die beiden Existenzgründer nicht.

Dann half ihnen das Glück. „Durch puren Zufall hatte die Handelskammer erfahren, dass die zwei Existenzgründer in Schwierigkeiten steckten“, sagt Claus Tiedemann vom Geschäftsbereich Infrastruktur. „Sie waren kurz davor, aufzugeben und abzuspringen.“ Tiedemann nahm sich der Sache an: „Die Vermittlertätigkeit in solchen und ähnlichen Fällen zählt zu unseren ureigensten Aufgaben.“

Auch die Finanzbehörde – Eigentümerin des Tankstellengrundstücks am Billhorner Röhrendamm 4 – hatte sich inzwischen als Mittlerin eingeschaltet. Sie lud die Parteien zu Gesprächen, auch Claus Tiedemann nahm daran teil. Zunächst ging es um die Sanierungskosten und darum, welchen Anteil die Sprinkenhof AG übernehmen würde. Der zweite Knackpunkt: Wie lange würde den Investoren Mietfreiheit gewährt? Zwei Monate bot die Sprinkenhof AG. „Das war natürlich völlig inakzeptabel“, sagt Tiedemann. Schließlich könnten die Mieter weder Umsatz noch Gewinn machen, solange das Gebäude noch nicht instandgesetzt ist. Das sah auch die Finanzbehörde so und wirkte ihrerseits auf die Sprinkenhof AG ein. Nach einigem Hin und Her einigte man sich auf neun Monate. Doch kaum war ein Streitpunkt vom Tisch, tauchten neue Schwierigkeiten auf: Der Beginn des Mietverhältnisses sollte verschoben werden. Für Piatscheck und de Boer ein echtes Problem. „Die beiden konnten ihre Leute nicht länger hinhalten“, erklärt Tiedemann mit Blick auf Bank und Handwerksbetriebe, die auf klare Ansagen warteten.

Die Handelskammer erhöhte den Druck noch einmal. Reinhard Wolf, Leiter des Geschäftsbereiches Infrastruktur, wandte sich nun direkt an den Vorstand der Sprinkenhof AG. Und endlich der Durchbruch: In letzter Sekunde einigten sich die Parteien. Am 30. Juli unterzeichneten Jann de Boer und Alex Piatscheck endlich den Mietvertrag – und machten sich sofort an die Arbeit. „Das ist schon verrückt, was wir da für einen Aufwand betrieben haben“, sagt Piatscheck rückblickend. „Anderthalb Jahre sind wir dem Grundstück hinterhergerannt, so lange hätte wahrscheinlich kein anderer gewartet.“

Claus Tiedemann ist dennoch zufrieden: „Wir haben das deshalb so unterstützt, weil hier etwas Besonderes geschaffen wird.“ Die historische Tankstelle werden Piatscheck und de Boer nun endlich originalgetreu und denkmalschutzgerecht restaurieren. Neben dem Tankstellenbetrieb mit kostenlosem Tankwartservice soll es auch ein Restaurant geben, ebenfalls im Look der 1950er, mit Nierentischen und traditionellen Gerichten wie Linsensuppe und Königsberger Klopse. Der dritte Bereich wird die Kfz-Prüfstation sein, speziell für Oldtimer, aber auch für „normale“ Autos. Dort sollen unter anderem Hauptuntersuchungen – umgangssprachlich Tüv genannt – und H-Kennzeichen-Abnahmen angeboten werden. „Wir wollen ein Treffpunkt für die norddeutsche Oldtimerszene werden“, sagt de Boer. Wenn ab jetzt alles planmäßig verläuft, ist Hamburg im Sommer 2011 um eine Touristenattraktion reicher.

Lisa Leonhardt
lisa.leonhardt@hk24.de
Telefon 36138-329

Informationen


Teil drei unserer Handelskammer-Serie gibt einen Einblick in die tägliche Arbeit des Geschäftsbereiches Infrastruktur. Das 16-köpfige Team wird aktiv, sobald sich Unternehmen mit Flächenproblemen an die Handelskammer wenden – sei es, weil sie ein geeignetes Grundstück suchen, weil eine Vergrößerung ansteht oder städtebauliche Maßnahmen zum Umzug zwingen. Neben dem Thema Stadtentwicklung zählt die Betreuung der Branchen Verkehr und Tourismus zu den Kernaufgaben des Bereiches: Bei Fragen zu Genehmigungsverfahren informiert das Team über Zuständigkeiten, Abläufe und Ansprechpartner. Regelmäßige „Branchentage“ bieten Unternehmern außerdem Gelegenheit, sich mit Fachreferenten und untereinander über Branchenthemen auszutauschen. Speziell für das Verkehrsgewerbe organisiert der Bereich diverse Prüfungen, die Berufsfahrern spezielle Zusatzqualifikationen bescheinigen – beispielsweise für den Transport von Gefahrgütern – und bemühen sich dabei um eine flexible und wirtschaftsnahe Planung. Außerdem begleitet der Bereich eng die Entwicklung im Hafen und setzt sich für einen bedarfsgerechten Ausbau ein. Ebenfalls in das Verantwortungsgebiet des Geschäftsbereiches Infrastruktur fällt das Thema Sportförderung. Der Bereich informiert nicht nur über Wirkung und Möglichkeiten des Sportsponsorings, sondern führt über seine „Sportlerbörse“ auch Unternehmen und Leistungssportler zueinander.

hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober 2010