Handelskammer Hamburg 2010

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Interview: Wolf Lotter

„Denk dir selbst was aus!“

Wir brauchen eine neue Kultur der Arbeit – davon ist Wolf Lotter, Wirtschaftsjournalist beim Magazin „Brand eins“ und einer der „diwi“-Referenten, überzeugt. Die hamburger wirtschaft sprach mit ihm über Könner, Qualität und Wissen.
hamburger wirtschaft: Ihr Vortrag auf der diesjährigen ‚diwi‘ trägt den Titel ‚Wenn die Könner kommen’. Wer sind für Sie die Könner?

Wolf Lotter: Könner sind in der Lage, selbstständig zu arbeiten und zu entscheiden – und sie verfügen über ein individuelles, spürbar an die Person gebundenes Wissen. Diese Fähigkeiten werden im Wissenszeitalter noch wichtiger sein als sie es heute schon sind.

hw: Sind wir denn noch keine Wissensgesellschaft?

Lotter: Nein, wir tun so als ob, aber tatsächlich produzieren wir viel zu viel Gleichförmiges, letztlich Nachahmbares. Das ist eine industrielle Strategie, egal wie man das nennt. Auch Unternehmen stellen ihre Mitarbeiter oft noch nach standardisierten Methoden ein.

hw: Welche Rolle werden Könner in Unternehmen spielen?

Lotter: Die der Unternehmer im Unternehmen. Könner sind Denkunternehmer, die uns auf Probleme aufmerksam machen und sie lösen. Könner denken aktiv und eigenständig.

hw: Was heißt das für Unternehmen und deren Personalpolitik?

Lotter: Das bisherige Mitarbeitermodell ist überwiegend darauf ausgerichtet, dass die Leute tun, was man ihnen sagt, und definierte Probleme lösen. Für Könner muss es lauten: Denk dir selbst was aus! Dann entsteht personalisiertes Know-how, das Konkurrenten nicht einfach klauen oder kopieren können.

hw: Was kann diese Innovationsfreudigkeit der Könner denn bremsen?

Lotter: Manifestes Wissen, das man verwalten und relativ reibungsfrei weiterreichen kann. Je größer eine Organisation ist, desto verbreiteter ist dieses Wissen heute noch. Es wird aber leicht zum Dogma. Wir nennen ja Leute, die aus der normierten Reihe des Mitmachens schlagen, ‚Querdenker’. Wer weiter denkt, der liegt ‚quer’. Das sagt ja schon alles. Für Innovationen sind solche Dogmen tödlich.

hw: Sicherlich haben Könner besondere Ansprüche an ihre Arbeitgeber …

Lotter: Ja, gute Gehälter und Amtstitel reichen nicht. Könner wollen Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortung. Man wird daher auch keinen Karriereplan für solche Könner erstellen können. Das machen die schon selbst.

hw: Wie wird ein Unternehmen zum Könner-Unternehmen?

Lotter: Indem es sich der Partnerschaft der Könner versichert und ihre individuellen Talente nutzt. John F. Kennedy hat sein Kabinett nach der Maxime gestaltet: ‚Jeder, der mitmacht, muss schlauer sein als ich.‘ Er war mutig genug, um zu wissen: ‚Ich bin der Chef, aber ich muss weder der Beste noch der Alleinherrscher sein.‘

hw: Passen die heute verbreiteten Formen der Beschäftigung noch auf die Könner?

Lotter: Nein, wir brauchen eine radikale Neuordnung des Arbeitsrechtes und eine neue Kultur der Arbeit.

hw: Hängen Können und Qualität für Sie zusammen?

Lotter: Ja, es sind zwei Seiten einer Medaille. Qualität, individuelle Problemlösungen sind für mich die Grundlage von Wirtschaft, vor allem in einer Welt, in der alles im Überfluss vorhanden ist. Die Massenproduktion sollten wir denen überlassen, die sie heute eh schon machen.

hw: Was heißt das für Unternehmen?

Lotter: Die brauchen Leute, die heute noch nicht in die Mitarbeiternorm passen. Und sie werden das Wort Gerechtigkeit neu definieren müssen. Es ist nicht gerecht, jemanden, der verwaltet, genauso zu behandeln wie jemanden, der kreativ und lösungsorientiert arbeitet. Noch denken wir nach dem Motto: Was kann denn jemand dafür, wenn ihm nichts einfällt? Nichts! Es ist aber völliger Unfug, die Leute auch noch dafür zu belohnen, dass sie nur nachvollziehen, was man ihnen vorgibt.

hw: Man sagt, Qualität habe ihren Preis: Wofür geben Sie gern viel Geld aus?

Lotter: Wenn ich viel Geld hätte, würde ich es für meine Arbeit und die der Kollegen, deren Arbeit ich schätze, ausgeben. Mein Luxus besteht darin, etwas zu tun, das ich sehr gern mache.
Anna Böhning
anna.boehning@hk24.de
Telefon 36138-274

Zur Person

Wolf Lotter, 1962 in Österreich geboren,lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin. Er ist als Wirtschaftsjournalist tätig und gehörte 1999 zu den Mitbegründern des Magazins „Brand eins“, für das er seit 2000 die Leitartikel zu den Schwerpunktthemen verantwortet. Lotter ist Autor mehrerer Bücher und seit Jahren zudem gefragter Keynoter bei Unternehmen, Institutionen und politischen Parteien im deutschsprachigen Raum.


Informationen

Am 17. November findet in der Handelskammer von 9 bis 19 Uhr der Kongress der Hamburger Dienstleistungswirtschaft „diwi“ statt, das Forum für Marketing, Beratung und Personal. Neben dem Referat von Wolf Lotter stehen weitere zehn Vorträge sowie zwei Workshops auf dem Programm.
Mehr Informationen und Anmeldung unter www.diwi-forum.de


hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober 2010