Handelskammer Hamburg 2010

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Energieversorgung

Gewonnene Zeit

Die Bundesregierung hat ihr Energiekonzept vorgelegt und Norddeutschland geholfen. Der ab 2020 drohende Versorgungsengpass wäre damit abgewendet.
Die Zukunft in der Energieerzeugung gehört den regenerativen Energien – das ist klar. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das zeigt zum Beispiel die für Norddeutschland besonders wichtige Erzeugung von Windenergie vor der Küste im Meer – also „offshore“. Denn bislang bleibt der erhoffte Boom aus: Zwar sind in Nord- und Ostsee insgesamt 70 Windparks mit mehr als 5200 Anlagen geplant. Genehmigt sind davon allerdings erst 28 – und bei nur zehn Vorhaben auch der Netzanschluss, der ebenso wichtig ist, damit die erzeugte Energie auch von den Verbrauchern genutzt werden kann. Erst wenn beide Genehmigungen vorliegen, können Bau und Kabelverlegung beginnen. Die einzige Anlage in Betrieb ist bislang „Alpha Ventus“ – von Bundesumweltminister Norbert Röttgen im April publikumswirksam eröffnet.

Das ist eines der Ergebnisse, zu denen die IHK Nord – der Zusammenschluss von 13 norddeutschen Industrie- und Handelskammern – bei der Aktualisierung ihrer „Kraftwerkslandkarte“ aus dem Jahr 2008 kommt. Das zweite: In den fünf norddeutschen Bundesländern gibt es zurzeit 38 Kraftwerke mit mehr als 100 Megawatt (MW) Leistung – genauso viele wie vor zwei Jahren. Sie erzeugen ausreichend Energie, um den Bedarf von Bürgern und Unternehmen zu decken. Bliebe es allerdings bei den bislang gesetzlich festgelegten Laufzeiten für Kernkraftwerke und der durchschnittlichen Lebensdauer eines konventionellen Kraftwerkes von rund 40 Jahren, würden bis 2030 über 90 Prozent in den „Ruhestand“ gehen. Da neue Kraftwerksprojekte zurzeit „schlechte Karten“ haben, so das dritte Ergebnis, wäre unweigerlich eine Versorgungslücke entstanden. Als Beleg: In den vergangenen zwei Jahren ist nur das Kraftwerk in Lingen (Emsland) in Betrieb genommen worden. Im gleichen Zeitraum wurden aber fünf Projekte gestoppt. Gute Aussichten auf Realisierung haben nur drei von derzeit über 20 Vorhaben. Mit ihrer Analyse bestätigt die IHK Nord vorliegende Studien, zum Beispiel die der Deutschen Energieagentur (Dena). „Wie in Norddeutschland sieht es bundesweit aus“, kommentiert Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler. „Die derzeit gesicherten Kraftwerksplanungen reichen nicht, um in Zukunft die Stromnachfrage zu Höchstlastzeiten preiswert, sicher und klimaschonend zu decken.“ Doch wer Klimaschutz und Erneuerbare Energien wolle, müsse auch über die Erneuerung des bestehenden Kraftwerksparks sprechen. Denn Versorgungssicherheit sei für ein Industrieland wie Deutschland auch dann erforderlich, wenn die Sonne nicht scheint und Windstille herrscht. „Die Herausforderung liegt darin, das Gesamtsystem zu optimieren. Dazu zählen insbesondere ein quantitativer und qualitativer Ausbau der Netze sowie die Weiterentwicklung von Speichertechniken.“

Das sieht auch die IHK Nord so und begrüßt daher die Vorhaben der Bundesregierung. Vor allem die Verlängerung der Laufzeit von Kernkraftwerken um acht bis 14 Jahre gäbe Planungs- und Versorgungssicherheit und erleichterte damit den Ausbau Erneuerbarer Energien. Jetzt kommt es darauf an, diese Übergangszeit auch zu nutzen und dabei nicht auf Möglichkeiten zur konventionellen Energieerzeugung zu verzichten. Denn durch moderne neue Kraftwerke – wie zum Beispiel in Hamburg-Moorburg – können alte Anlagen ersetzt und damit Kohlendioxid-Emissionen eingespart werden.
Tobias Knahl
tobias.knahl@hk24.de
Telefon 36138-267

hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober 2010