Handelskammer Hamburg 2010

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Interview: Dr. Rainer Esser

Die Zeitung als Marke

Seit 1946 ist „Die Zeit“ eine tragende Säule des Medienstandortes Hamburg. Wir sprachen mit Rainer Esser, Geschäftsführer der Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, über Strategien, das Internet und die Verbundenheit mit der Stadt.
hamburger wirtschaft: Die verkaufte Auf­lage der ‚Zeit‘ lag im zweiten Quartal bei 502?418 Exemplaren. Sind Sie damit ­zufrieden?

Rainer Esser:
Die verkaufte Auflage der ‚Zeit‘ hat mit mehr als einer halben Million Exemplaren jede Woche ein historisches Rekordniveau erreicht. Unsere Auflage ist in den vergangenen sieben Jahren, entgegen dem klaren Trend bei den Zeitungen, um fast 20 Prozent gewachsen. Die Gründe unseres Wachstums und unseres wirtschaftlichen Erfolges liegen darin, dass wir nie zufrieden sind.

hw:
Wie hat sich die Beziehung zwischen Redakteuren und Lesern in den ­vergangenen Jahren verändert?

Esser:
Die Beziehung zwischen Redakteuren und Lesern ist viel enger geworden. Der Rückkanal Internet, die Möglichkeit des ständigen Kommentierens von Artikeln, schafft eine Nähe, die es früher nicht gab. Allein auf ‚Zeit Online‘ haben wir jede Woche über 10?000 Kommentare. Auch auf anderen Plattformen sind wir ständig im Gespräch mit den Lesern der ‚Zeit‘. Redakteure treffen sich regelmäßig mit Lesern, mit Abonnenten ebenso wie mit Kioskkäufern und Abbestellern, um über die Inhalte zu diskutieren. Auch unsere über 100 Events und Konferenzen jedes Jahr bieten eine ausgezeichnete Gelegenheit für Leserge­spräche.

hw:
Der Zeitverlag macht längst nicht mehr nur eine Wochenzeitung. Sie verlegen Bücher, bringen Kinderfilm-Editionen heraus, veranstalten Konferenzen, machen Corporate Publishing. Verstehen Sie sich noch als traditioneller Verlag?

Esser:
Auf jeden Fall sind wir ein traditioneller Verlag! Unser wichtigstes Produkt ist die Wochenzeitung. Mit ihr erzielen wir 70 Prozent des Umsatzes und des Gewinns. Daneben bauen wir seit Jahren unser Verlagsprogramm um die Kernkompetenzen der ‚Zeit‘ herum aus. Hierzu gehören inzwischen sieben Magazine, Dienstleistungen für Universitäten, Editionen und Veranstaltungen sowie Konferenzen für Wirtschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft und auch Mode. Alle Aktivitäten müssen der hohen Qualität und Glaubwürdigkeit entsprechen, die unsere Leser von der ‚Zeit‘ erwarten.

hw:
Welchen Anteil haben die neuen ­Geschäfte der Marke ‚Zeit‘?

Esser:
Der Anteil der neuen Geschäfte unter der Marke ‚Zeit‘ am Gesamtumsatz – insbesondere auch der digitalen Geschäfte – wird weiter steigen. Die Gewinnmargen sind gut, und wir brauchen diese Beiboote, um das Mutterschiff abzusichern und zu stärken. Bei unserem sehr gut wachsenden Portal ‚Zeit ­Online‘ sind wir noch in der Investitionsphase, während unsere Online-Jobbörse ‚academics.com‘ schon seit Jahren profitabel ist.

hw:
Werden wir in Zukunft Zeitungen nur noch online lesen?

Esser:
Gute Zeitungen mit einem eleganten Design wie ‚Die Zeit‘ werden noch viele Jahre auf Papier gelesen. Elektronische Geräte wie das iPad sind fantastische zusätzliche Wege, Zeitungen zu lesen. Sie helfen uns, Reichweite und Erlöse auf einer weiteren Plattform auszubauen. Das gilt ganz generell für das Internet. Es bietet gute Möglichkeiten für neue Geschäfte und steigert unsere Reichweite enorm. Die ‚Zeit‘ eignet sich hervorragend fürs iPad. Da wir nur einmal die Woche erscheinen, haben wir mit der ‚Zeit‘-App auch mehr Zeit, die Zeitungsinhalte mit Fotostrecken, Videos und Leserdebatten anzureichern und aufzubereiten.

hw:
Ihre Redaktionen für Print und online sind nach wie vor getrennt?

Esser:
Ja, wir haben zwei getrennte Redaktionen. Das liegt daran, dass wir als Zeitung einmal die Woche erscheinen und ‚Zeit Online‘ als Nachrichtenportal minutenaktuell sein muss. Die  Anforderungen an die Qualität einer Wochenzeitung sind andere als bei einem aktuellen Nachrichtenportal. Große Hintergrundberichte, Analysen oder Reportagen schreiben und nebenbei minutenaktuell Nachrichten verfassen – das schaffen nur Ausnahmekünstler. Allerdings schreiben und bloggen ‚Zeit‘-Redakteure bei bestimmten Themen auch regelmäßig für ‚Zeit Online‘ und umgekehrt.

hw:
Ihr Verlag engagiert sich auch als Stifter der Hamburg Media School (HMS). Warum ­gerade dort?

Esser:
Die HMS ist eine ausgezeichnete Schule, die gute Studenten sehr praxisnah ausbildet. Bei uns macht eine Absolventin der HMS Karriere, und mit weiteren Studenten sind wir im Gespräch.

hw:
Welche Bedeutung haben die Standorte Hamburg und Berlin für den Zeitverlag?

Esser:
Beide Standorte sind wichtig. In Berlin sind die Parlaments- und Magazinredaktion und der größere Teil von ‚Zeit Online‘. In Hamburg sind der Verlag und der größere Teil der Hauptredaktion. Für die Politik und die Kultur ist Berlin allerdings interessanter als Hamburg. Schade, dass der Transrapid zwischen den beiden Städten nicht gebaut wurde.

hw:
Was wünschen Sie sich von der Stadt Hamburg?

Esser:
Das Bekenntnis zu Hamburg als großem und starkem Medienstandort könnte gern noch etwas ausgeprägter sein.
Tanja Martens
tanja.martens@hk24.de
Telefon 36138-444

Zur Person


Dr. Rainer Esser, 1957 geboren, studierte Betriebswirtschaft und Recht, lernte das journalistische Handwerk an der Deutschen Journalistenschule in München, arbeitete als Rechtsanwalt und später als Chefredakteur. Vor seinem Wechsel 1999 zum Zeitverlag war er Geschäftsführer der „Main-Post“ in Würzburg.

hamburger wirtschaft, Ausgabe Dezember 2010