Handelskammer Hamburg 2010

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Entwicklungshilfe

Auf Madagaskar folgt vielleicht die Mongolei

Seit 2003 kooperiert die Handelskammer mit den Industrie- und Handelskammern in Madagaskar. Ergebnis: 1 500 nach den Prinzipien der dualen Berufsausbildung qualifizierte Fachkräfte.
Mit ihrem erfolgreich abgeschlossenen ­Madagaskar-Projekt hat die Handelskammer eine Vorreiterrolle beim Engagement deutscher Industrie- und Handelskammern in der Entwicklungspolitik übernommen. Begonnen hatte die Kooperation zwischen der Handelskammer und den madagassischen Kammern für Handel und Industrie mit einer Madagaskar-Reise, die Hauptgeschäftsführer Prof. Hans-Jörg Schmidt-Trenz auf Initiative des damaligen madagassischen Botschafters in Deutschland, Dr. Denis Andriamandroso, des Honorargeneralkonsuls der Republik Madagaskar in Hamburg, Eckhard Koll, und auf Einladung der Regierung der Republik Madagaskar sowie der Föderation der madagassischen Kammern für Handel und Industrie un­ternahm.

Unterstützt von acht deutschen Berufsbildungsexperten führten anschließend alle zwölf madagassischen Kammern zwischen Oktober 2004 und März 2005 die duale Berufsausbildung ein. Inzwischen hat sich die Zahl der Kammern verdoppelt, und auch die neu gegründeten Kammern nutzen heute die duale Berufsausbildung. Von 2005 bis 2010 wurden insgesamt 1 500 Auszubildende in 350 Unternehmen von 450 betrieblichen Ausbildern zu Fachkräften qualifiziert. Die Palette der angebotenen Ausbildungsberufe hat sich in dieser Zeit von ursprünglich fünf auf zwölf Berufsbilder mehr als verdoppelt.

Über die Organisation der dualen Berufsausbildung konnten die madagassischen Kammern die verlorene Anerkennung der Mitgliedsunternehmen zurückgewinnen und im Anschluss weitere Serviceleistungen anbieten, beispielsweise Internetzentren für kleine und mittlere Betriebe sowie die Begleitung von Kleinstunternehmern beim Übergang von informeller zu formalisierter Geschäftstätigkeit. Diese Entwicklung wurde möglich durch Schulungen in Hamburg und Madagaskar und durch Beratung der Kammern vor Ort durch fünf ehemalige Hauptgeschäftsführer deutscher Industrie- und Handelskammern. Es ­kamen moderne Kommunikationsmöglichkeiten zum Einsatz, die eine Begleitung des lokalen Projektteams durch die Handelskammer ermöglichten. Dadurch konnten die mada­gassischen Partner eine Eigenverantwortung entwickeln, um gemeinsam erarbeitete Ziele auch über das Projekt hinaus fortzuführen.

Aufgrund politischer Umwälzungen in ­Madagaskar Anfang 2009 konnte die damals vorbereitete Public Private Partnership zwischen der madagassischen Regierung und den Kammern als Vertretern der privaten Wirtschaft zur Ausweitung der dualen Berufsausbildung nicht umgesetzt werden, und auch die institutionelle Stärkung der Kammerföderation wurde von den politischen Veränderungen beeinträchtigt. Dennoch sind die madagassischen Kammern heute auf dem besten Weg, ihre gesetzliche Aufgabe der gesamtwirtschaftlichen Interessenvertretung wieder zu erfüllen, und werden von den nationalen und internationalen Institutionen im Land als Repräsentanten der privaten Wirtschaft anerkannt.

Die Einführung der dualen Berufsausbildung in Madagaskar erfuhr zwei besondere Ehrungen: Im April 2007 zeichnete der damalige Bundespräsident, Dr. Horst Köhler, im Rahmen seines Staatsbesuches in Madagaskar die besten Absolventen des ersten Ausbildungsjahres persönlich aus. Er rühmte die duale Berufsausbildung als ein vorbildliches Projekt und gratulierte den deutschen Senior Experten zu ihrem Engagement. Im Juni 2009 wählte die Jury der World Chamber Federation die Einführung der dualen ­Berufsausbildung in Madagaskar zum weltweit besten Projekt für kleine und mittlere Unternehmen.

Die Zusammenarbeit mit den madagassischen Kammern wurde ermöglicht durch eine Anschubfinanzierung eines Hamburger Mäzens, der Zeit-Stiftung und des Commerz-Collegium zu Altona e.V. sowie durch eine Projektfinanzierung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über das Kammerpartnerschaftsprogramm der Sequa gGmbH. Das Vorzei­ge­projekt Madagaskar ermutigt die Handelskammer, die Einführung der dualen Berufsausbildung auch in anderen Ländern zu unterstützen. Konkrete Anfragen aus Ghana, Nigeria, Uganda und der Mongolei liegen bereits vor.
Birgit Schweeberg
birgit.schweeberg@hk24.de
Telefon 36138-484

hamburger wirtschaft, Ausgabe Dezember 2010