Handelskammer Hamburg 2010

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Serie: Unsere Handelskammer

Virtuoser Sachverstand

Gutachten werden aus unterschiedlichsten Gründen benötigt. Doch woran erkennt man einen guten Sachverständigen?
Das Prädikat „öffentlich bestellt und vereidigt“ darf beileibe nicht jeder in seinem Namen führen. Micha Beuting darf. Der ­promovierte Diplom-Holzwirt wurde 2005 von der Handelskammer als „Sachverständiger für dendrochronologische Untersuchungen von Musikinstrumenten“ eingesetzt. Anhand der Jahresringe im Holz bestimmt der 38-Jährige das Alter von Streich-, Zupf- und Tastenins­trumenten. Vor seinem Büro in Eimsbüttel steht ein Auto mit Homburger Kennzeichen. Er sei im Internet auf ­Micha Beuting gestoßen, sagt Paul Hess. 600 Kilometer sei er gefahren, um seine Geige – ein Erbstück seiner Großmutter – begutachten zu lassen. „Sie hat ewig im Keller gelegen“, erzählt er. Jetzt möchte er wissen, wie alt sie ist: „Es ist einfach spannend, was so ein Ins­trument ­alles erlebt hat.“

Beuting ist nicht der einzige Sachver­ständige auf diesem Gebiet, aber bundesweit der einzige mit öffentlicher Bestellung. „Das ist ein Markenzeichen“, sagt Dr. Andreas Fuhrhop vom Handelskammer-Geschäftsbereich „Recht und Fair Play“. Nur wer besondere Sachkunde, Unabhängigkeit, Objektivität und Vertrauenswürdigkeit unter Beweis stellt, kann von einer öffentlich-rechtlichen Institution wie der Handelskammer vereidigt werden. „Die Geige von Paul Hess hat keinen Modellzettel“, stellt Beuting fest. Bevor er mit der ­eigentlichen Untersuchung beginnt, vermisst er das Instrument und notiert äußerliche Besonderheiten. Mithilfe eines Mikroskops zählt er dann die Jahresringe im Holz der Violin­decke und misst deren Breite aus, um daraus später eine Kurve der Jahresringe zu erstellen. Die Breite der Ringe wird vor allem durch äußere Faktoren wie Temperatur, Niederschlag und Standort beeinflusst. Je besser die Wachstumsbedingungen, desto breiter die Ringe. Bäume derselben Art und Region weisen deshalb immer eine ähnliche Holzstruktur auf.

Um das Alter eines Instrumentes zu bestimmen, vergleicht Beuting die ermittelte Kurve mit bestehenden Chronologien. „Die Datierungsquote liegt bei 80 Prozent“, sagt er. Am interessantesten für den Dendrochronologen ist der letzte gebildete Jahresring, der mit dem Fälldatum des Baumes gleichzusetzen ist. „Früher kann ein Instrument nicht entstanden sein“, erklärt Beuting. Meistens gehe es bei seinen Aufträgen um die Frage: Ist es ein Original oder eine Kopie? Zwar ist die dendrochronologische Datierung kein Echtheitsbeweis, doch für Wertgutachten ist sie eine wichtige Grundlage.

Beuting hat Kunden in ganz Europa. „Ich wollte durch die Vereidigung meine Unab­hängigkeit unterstreichen“, sagt er. Wer als Sachverständiger von der Handelskammer öffentlich bestellt werden will, muss mindestens 30 Jahre alt sein und sowohl berufliche Erfahrung als auch Erfahrung als Gutachter vorweisen können. Zudem gilt es, die anspruchsvolle Prüfung vor einem Fachgremium zu meistern – in der Regel schriftlich und mündlich. Wer besteht, wird vom Präses der Handelskammer vereidigt.

„Manche Prüfungen lassen sich relativ leicht organisieren“, sagt Andreas Fuhrhop. Bei Orchideenfächern wie die Altersbestimmung von Holz gestaltet sich die Sache schon schwieriger. „Bei mir stellte sich die Frage, wer mich prüft“, erinnert sich Micha Beuting schmunzelnd. Jemanden zu finden, der sich in der Materie ebenso gut oder sogar noch besser auskennt, war nicht einfach. Ein Professor aus München nahm die Prüfung schließlich ab. Noch in diesem Jahr steht Beutings Wiederbestellung an. Alle fünf Jahre wird die Leistung der Sachverständigen überprüft. Regelmäßige Fortbildung ist für die meisten Experten selbstverständlich. „Unsere Sachverständigen haben einen hohen Anspruch an sich selbst“, sagt Fuhrhop. „Davon abgesehen, gehen sie mit schlechten Leistungen auch Haftungsrisiken ein.“ Zur Qualität eines Sachverständigen gehöre deshalb auch eine hinreichende Versicherung. „Der Auftraggeber soll am Ende schließlich nicht im Regen stehen.“
Paul Hess ist gespannt, was die Unter­suchung seiner Geige ergibt. Er erhofft sich auch einen Hinweis darauf, ob es sich um ein wertvolles Instrument handelt. Zwei bis vier Wochen muss er sich gedulden, bis das Gutachten fertig ist. Dann will er über das weitere Vorgehen entscheiden. „Das“, sagt er, „war auf jeden Fall erst einmal der richtige Weg.“ Alles Weitere wird sich zeigen.

Lisa Leonhardt
lisa.leonhardt@hk24.de
Telefon 36138-329

Information


Hilfe bei der Suche nach Sachverständigen gibt es bei den Kammern, aber auch im Netz: Unter www.svv.ihk.de sind Gutachter jedweder Fachrichtung in ganz Deutschland aufgeführt. Der Handelskammer-Geschäftsbereich „Recht und Fair Play“ vermittelt jedes Jahr rund 1100 Sachverständige an Gerichte, Behörden, Unternehmen und Privatleute. Weiterhin geben die Berater des Geschäftsbereiches schnell und unbürokratisch Tipps in Rechtsfragen, vermitteln Mediatoren und Streitschlichter und informieren über die Vorteile von Schiedsgerichtsverfahren als schnelle und kostengünstige Alternative zu staatlichen Verfahren. Infos unter www.hk24.de

hamburger wirtschaft, Ausgabe Dezember 2010