Handelskammer Hamburg 2010

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Betriebsklima

Mobbing macht einsam

Wenn hinter kleinen Sticheleien der Kollegen System steckt, wird der Gang ins Büro zum Spießrutenlauf. Dauert die Schikane an, sind oft gesundheitliche und psychische Probleme die Folge.
Die Nächte konnte er schon lange nicht mehr durchschlafen, Stunde um Stunde lag er wach. Auch der Alkohol, den er trank, um sich zu beruhigen, wollte nicht mehr helfen. Paul Ranke* war bei der Arbeit drei Jahre lang Opfer von Mobbing. „Man wollte mich systematisch aus meinem unbefristeten Vertrag drängen“, erzählt der 59-Jährige. „Man hat mir Fehler angedichtet und mir Unkonzentriertheit vorgeworfen.“ Erst sei es nur ein Kollege gewesen, später habe dann ein zweiter mitgemacht. Am Ende hatte Ranke einen Blutdruck von 210 zu 120 und musste schließlich am Herzen operiert werden. „Erst als ich körperlich am Ende war, ließ ich mich krankschreiben.“

Hilfe fand er schließlich beim Hamburger Verein „Klima – Konflikt-Lösungs-Initiative Mobbing-Anlaufstelle“. In Selbsthilfegruppen lernte er dort Menschen kennen, denen es erging wie ihm selbst. Viele von ihnen zwischen 50 und 60 Jahre alt, alleinstehend und im Berufsleben oft erfolgreicher als andere, denn genau wie Paul Ranke sind die Betroffenen meist besonders engagierte Menschen. Doch Erfolg verursacht bei anderen auch Neid, der zu den häufigsten Mobbing-Motiven gehört. „Das Engagement wird erst ausgenutzt und dann, kurz bevor die Betroffenen nicht mehr können, werden ihnen Fehler und mangelnde Belastbarkeit vorgeworfen“, sagt Dr. Alfred Fleissner, „Klima“-Vorstandsmitglied und Mobbing-Experte.

Worin aber unterscheidet sich Mobbing von normalen Konflikten? „Mobbing“, so Fleissner, der auch als Hirnforscher am Universitätsklinikum Eppendorf tätig ist, „bezeichnet wiederholte und gezielte Attacken über einen längeren Zeitraum.“ Man werde am Arbeitsplatz in eine unterlegene Position gebracht, oft dadurch, dass sich viele Kollegen gegen einen stellen. Etwa 3,5 Prozent aller Arbeitnehmer werden im Lauf ihres Berufslebens zu Mobbing-Opfern. Dass statistisch mehr Frauen als Männer betroffen sind, liegt nach Ansicht von Fleissner wahrscheinlich nur daran, dass sich Frauen öfter outen.

Martha Voss*, Angestellte einer großen Behörde, beschreibt sich selbst als „ziemlich selbstbewusst und locker“. Trotzdem brauchte auch sie Jahre, bis sie sich Hilfe holte. Die 40-Jährige bemerkte bei der Arbeit am Anfang nur hier und da kleine Veränderungen. Als dann aber Kollegen, mit denen sie befreundet war, nicht mehr grüßten, wurde sie stutzig: „Man wird immer unsicherer, wenn man nicht weiß, was los ist.“ Am Ende habe sie sich nicht mehr getraut, das Büro zu verlassen, aus Angst, alle würden über sie reden. Die jahrelange Belastung hatte Martha Voss inzwischen krank gemacht. Sie litt an Kopfschmerzen und Arthrose. Als sie sich ihrem Hausarzt anvertraute, riet ihr dieser, ein Mobbing-Tagebuch zu schreiben. Nach drei Wochen hatte sie 20 Seiten gefüllt. Damit ging sie zum Personalleiter und zum Amtsarzt, doch die glaubten ihr nicht, attestierten ihr „ausgeprägten Narzissmus“. Gegen diese Diagnose und einen Eintrag in der Personalakte kämpfen sie und ihr Anwalt noch heute.

Körperliche Beschwerden wie die von Martha Voss kennen viele Mobbing-Opfer. Auch Schlafstörungen, Übelkeit, Erbrechen und Migräne gehören dazu. Neben körperlichen und sozialen Problemen kommen aber fast immer auch psychische hinzu, Antriebslosigkeit, Weinkrämpfe, Aggressionen und Minderwertigkeitskomplexe sind nur einige von ihnen. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen Mobbing und Bossing. Letzteres beschreibt Attacken, die von Vorgesetzten ausgehen. „Aber selbst wenn es sich um Mobbing durch Kollegen handelt, tragen die Chefs eine 100-prozentige Fürsorgepflicht“, sagt Alfred Fleissner. „Wer die Notsituation eines Mitarbeiters bemerkt und trotzdem wegschaut, der macht sich mit schuldig.“

Wie wichtig es für Unternehmen ist, wachsam zu sein, zeigt eine aktuelle Studie der Krankenversicherung AOK. Ihr zufolge ist die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen in den vergangenen zwölf Jahren um fast 80 Prozent gestiegen und erreichte 2009 einen Höchststand. Sie belegt, dass 8,6 Prozent aller ausgefallenen Arbeitstage psychisch bedingt sind.

Martha Voss wurde inzwischen auf eigenen Wunsch in eine andere Behörde versetzt. „Ich bin hier ganz gut aufgenommen worden“, sagt sie erleichtert, aber doch ein wenig verhalten. „Meine Personalakte liegt auch meinem neuen Arbeitgeber vor.“ Die Unsicherheit und die Angst sind geblieben. Betroffenen rät sie: „Wichtig ist es, sich schneller Hilfe zu holen, als ich es gemacht habe. Viel schneller.“

* Name von der Redaktion geändert.
Juliane Kmieciak
juliane.kmieciak@hk24.de
Telefon 36138-563

Internet


Der Verein „Klima“ im Internet unter www.klimaev.de

hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober 2010