Handelskammer Hamburg 2010

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Wirtschaftskriminalität

Spion in den eigenen Reihen

Während sich Unternehmen gegen Know-how-Verluste nach außen hin absichern, wird die Gefahr, die von eigenen Mitarbeitern ausgeht, oft unterschätzt.
Eine Woche vor Heiligabend vergangenen Jahres mussten sich eine Hamburger Privatbank und deren Tochtergesellschaft eine Durchsuchung ihrer Geschäftsräume durch die Staatsanwaltschaft gefallen lassen. Grund war der Verdacht des Verrats von Geschäftsgeheimnissen zulasten eines Konkurrenzkonzerns, bei dem 25 Mitarbeiter innerhalb nur weniger Wochen gekündigt hatten, um zur unter Verdacht stehenden Bank zu wechseln. Zuvor waren wichtige Geschäftsinterna gestohlen worden. Die Folge: finanzielle Schäden und Imageverlust.

Laut der Studie „Wirtschaftskriminalität in Deutschland 2010, Fokus Mittelstand“ der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft unterschätzen mittelständische Unternehmen oft die Gefahr der Wirtschafts- und Wettbewerbsspionage. Wegen der weiten Verbreitung des „Organisationsprinzips Vertrauen“, so die Studie, werde auch die potenzielle Gefahr, die von eigenen Mitarbeitern ausgehe, vernachlässigt. Außerdem seien mittelständische Betriebe im Vergleich zu Großkonzernen weniger gut auf den Ernstfall vorbereitet. Auf 20 Milliarden Euro wird der Schaden geschätzt, der der deutschen Wirtschaft jedes Jahr durch Betriebsspionage entsteht.

Doch wie können Geschäfts- und Personalleitung verhindern, dass sie Mitarbeiter einstellen, die beabsichtigen, wichtige Firmendaten an die Konkurrenz weiterzuleiten? „Natürlich freut sich das Unternehmen, wenn ein Bewerber alle Bedingungen erfüllt und genau auf die ausgeschriebene Position passt“, sagt Dr. Andrea Berner, Leiterin des Referates „Wirtschaftsschutz; Geheim-, Sabotageschutz“ beim Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz. „Eine Schlüssigkeitsprüfung bleibt allerdings oft aus. Dabei würde wahrscheinlich schnell auffallen, dass beispielsweise Alter und Berufserfahrung nicht stimmig sind.“ Berner empfiehlt, frühere Arbeitgeber nach ihrem ehemaligen Mitarbeiter zu befragen und eine Suchmaschinenrecherche durchzuführen, um sich nicht einen Spion ins Haus zu holen. Ob der Lebenslauf korrekt ist und die darin aufgezählten Kenntnisse der Wahrheit entsprechen, ließe sich schnell durch einen Probearbeitstag feststellen. Bei einem begründeten Verdacht besteht die Möglichkeit, sich direkt mit dem Landesamt für Verfassungsschutz in Verbindung zu setzen. „Wir überprüfen allerdings keine Lebensläufe, sind aber mit den Methoden der Nachrichtendienste vertraut“, so Berner, die auch Vorträge hält und Firmen berät, um Geschäftsleitung und Mitarbeiter gleichermaßen für das Thema Wirtschafts- und Wettbewerbsspionage zu sensibilisieren. Eine gängige Vorgehensweise ausländischer Nachrichtendienste sei es zum Beispiel, Konzerne, die eine innovative Entwicklung gemacht haben, um den Empfang einer Delegation zu bitten. Anfragen chinesischer Praktikanten seien ebenfalls nichts Ungewöhnliches.

„Mehr als 60 Prozent aller Bewerbungen sind manipuliert, und je vertrauensvoller die Position eines neuen Mitarbeiters ist, desto größer sollte der Aufwand sein, ihn zu überprüfen“, rät Rolf-Wilhelm Dau, Vorstandsvorsitzender des „Verband für Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland e.V.“ und ehemaliger Sicherheitsbevollmächtigter eines internationalen Technologiekonzerns. „Personalverantwortliche sollten ihre Netzwerkkontakte nutzen und die Angaben des Bewerbers verifizieren.“ Wichtig seien vor allem ein Interview durch einen erfahrenen Personalleiter und klare Regeln für die Mitarbeiter. „Hier sollte die Reihenfolge belehren, ermahnen, verwarnen, bestrafen gelten und jeder Regelverstoß sofort transparent gemacht werden.“

Für einen offenen Umgang mit diesem Thema plädiert auch Dr. Frank Weller, Leiter des Bereiches Forensik bei KPMG. „Wir sind oft mit der Aufklärung von Betrugsfällen beschäftigt“, sagt er. „Viel günstiger wäre es für Firmen allerdings, bereits im Vorfeld dafür zu sorgen, dass Integrität als Wert akzeptiert wird.“ Nach Wellers Ansicht muss ein Management, das Illoyalität ausschließen möchte, ein vertrauensvolles Miteinander vorleben und so erreichen, dass die Aufmerksamkeit untereinander als Korrektiv wirkt. Vor allem mittelständische Betriebe müssen lernen, besser zuzuhören. Wenn ein Mitarbeiter sich ungerecht behandelt fühlt, sollte er dies ansprechen können, statt sich mit dem Diebstahl von Daten zu rächen.
Petra Schreiber
redaktion@hamburger-wirtschaft.de
Telefon 36138-305

Informationen


Weitere Informationen sind beim Handelskammer-Stabsbereich „Sicherheit in der Wirtschaft“ erhältlich. Kontakt: Ulrich Brehmer, Telefon 36138-381, E-Mail ulrich.brehmer@hk24.de

hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober 2010