Projekt „Santa Fu“: HeißeWare aus dem Knast

Handelskammer Hamburg 2010

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Projekt „Santa Fu“

Heiße Ware aus dem Knast

Das Produkt

Vorsichtig setzt er den Stempel auf den olivefarbenen Stoff und drückt. Er muss sich konzentrieren, eine falsche Handbewegung – und alle Mühe war umsonst. T-Shirt vermurkst: Bitte von vorn! Und dann muss er jedes einzelne Wort noch einmal aufdrucken: Ich. Will. Hier. Raus! Wie ihm die Worte aus der Seele sprechen…
Farid Mahrad* ist Häftling. Seit Mai sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Glasmoor ein, wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Gemeinsam mit anderen Gefangenen arbeitet er in einer kleinen Werkstatt auf dem Gelände, bedruckt T-Shirts mit markigen Schriftzügen wie „Lebenslänglich!“, „Made in Prison“ oder „Freigänger“, 14 Motive gibt es insgesamt.
Die filigrane Arbeit macht ihm Spaß. „Das ist Kunst“, sagt Mahrad und streicht behutsam den Stoff glatt. Fehlt nur noch das Logo. Er greift zu einem kleineren Stempel und presst ihn fest in das Stempelkissen. Dann fixiert er seinen Zielpunkt und setzt erneut an. „Santa Fu“ steht da. Dahinter vier gerade Striche und ein fünfter quer darüber, das Symbol für den Knastkalender – und das Markenzeichen der Produkte, die Mahrad und die anderen Häftlinge herstellen.

Die Geschichte

„Santa Fu – Heiße Ware aus dem Knast“ heißt das Projekt, das die Hamburger Justizbehörde 2006 ins Leben gerufen hat. Inzwischen ist es erfolgreich, weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus. Der Reiz der Knastprodukte besteht in deren Herkunft: Die Artikel werden von Insassen der Haftanstalten Glasmoor und Fuhlsbüttel entwickelt und hergestellt. Ein Teil des Erlöses geht an den Weißen Ring, eine Hilfsorganisation für Verbrechensopfer. Resozialisierung und Wiedergutmachung in einem, das ist die Idee.
Auch bei den Gefangenen kommt das Projekt gut an. In Workshops, sogenannten Kreativen Zellen, entwickeln sie ihr Knastlabel gemeinsam mit externen Unterstützern aus der Kreativwirtschaft ständig weiter. Der Ideenreichtum ist groß, und so wird die Produktpalette kontinuierlich erweitert. Heute umfasst die „Santa Fu“-Kollektion neben T-Shirts, Pullis und Unterhemden unter anderem auch Käppis, Spiele, CDs, ein Pflegeset sowie ein Kochbuch samt passender Schürze.
Manche Artikel produzieren die Gefangenen komplett selbst, beispielsweise das „Tage- und Nächtebuch“ mit einem Einband aus original Gefängnis-Matratzenstoff. Andere – wie etwa die T-Shirts – werden durch einen Aufdruck „veredelt“. So nennt es Marc Strangmeyer. Der Vollzugsbeamte beaufsichtigt die „Santa Fu“-Produktion in Glasmoor. Bis zu sechs Gefangene kann er beschäftigen, doch nicht jeder ist für den Job geeignet. „Wer hier arbeiten will, der muss sehr selbstständig und sorgfältig sein“, sagt Strangmeyer. Und fügt augenzwinkernd hinzu: „Am liebsten sind mir Fälscher, die arbeiten besonders genau.“

Das Unternehmen

„Santa Fu“ ist ein sogenanntes PPP-Projekt, eine Public Private Partnership zwischen der Justizbehörde und drei Unternehmen: Mit der Somethink GmbH & Co. KG, dem Schewestudio und der Markenwerke GmbH haben die „Kreativen Zellen“ professionelle Unterstützung an ihrer Seite. Die Firmen prüfen unter anderem die Ideen der Gefangenen auf ihre Umsetzbarkeit und helfen bei der Gestaltung der Website. Der Gewinn wird geteilt.
Rund 37000 Artikel wurden bislang verkauft, mehr als ein Drittel davon waren T-Shirts. Sämtliche Produkte sind im Internet unter www.santafushop.de sowie an ausgewählten Verkaufsstellen im In- und Ausland erhältlich. Sogar den Sprung ins Ausland haben die kultigen Knastartikel aus Hamburg also schon geschafft.

*Name von der Redaktion geändert.
Lisa Leonhardt
lisa.leonhardt@hk24.de
Telefon 36138-329
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hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober 2010